Corona – Artikel der Schmalkalder Ärzte zum Nachdenken und Handeln

22. März 2020
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Schmalkalden – „Wir können uns hier so gut wie möglich vorbereiten, aber die eigentliche Arbeit muss draußen erledigt werden“, sagt Dr. Atilla Yilmaz. Und setzt hinzu: „Wir haben hier in der Region jetzt noch die Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern, wenn sich alle an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts halten. Bei uns bringt es was. In zwei Wochen wäre alles durch.“ Was bedeutet: keinen Kontakt zu anderen Menschen, wenn nicht unbedingt notwendig, und mindestens 1,5 Meter Abstand sowie Hygiene einhalten. Dazu sollten Menschen, die aus Risikogebieten kommen, sich sofort in Quarantäne begeben.

Der Kardiologe Dr. Atilla Yilmaz und sein Kollege und Stellvertreter, Gastroenterologe Dr. Ronni Veitt, waren fassungslos, als sie am Mittwoch sahen, was auf dem Schmalkalder Altmarkt abging. Da tummelten sich Menschen über Menschen und kaum einer habe den Mindestabstand zu seinem Nachbarn eingehalten. „Da lecken die Leute Eis, manchmal sogar zwei an einem“, sagt Ronni Veitt und schüttelt den Kopf angesichts solcher Unvernunft.

Sie wollen den Bürgern der Region Schmalkalden sagen, dass sie wissen, dass sie viel zu tun haben werden, wenn die ersten SARS-Covid-19-Fälle ins Krankenhaus eingeliefert werden, aber „wir haben kein Verständnis dafür, wenn diese Fälle deshalb kommen, weil die Leute zu dumm sind, den Ernst der Lage zu sehen“. Solche drastischen Worte seien unbedingt notwendig, sagen die beiden Mediziner. „Wir kämpfen gerne und mit aller Kraft für Eure Gesundheit, aber Ihr müsst alles tun, was jetzt getan werden muss“, wendet sich Ronni Veitt direkt an die Bürger der Region. Es sei zu lange „verniedlicht und verharmlost“ worden, was diese Pandemie betreffe. Ja sogar, das Virus als „Corona“ zu bezeichnen und nicht als SARS, was es ja sei, sei nicht gut gewesen. „Alleine bei dem Wort SARS stellen sich einem doch die Nackenhaare auf“, meint Yilmaz. Jetzt gelte es, „solidarisch zu sein und die Lage ernst zu nehmen“. Erst seit letzter Woche sei der „Riesenschwenk“ von Seiten der Bundesregierung gemacht worden. Aus Sicht der Schmalkalder Ärzte zu spät. Auch die mahnenden und ernsten Worte der Bundeskanzlerin vom Mittwochabend seien wichtig, aber zu spät gekommen.

Nach Ansicht der beiden Mediziner müssten Polizei und Ordnungsämter jetzt Prioritäten setzen und nicht Geschwindigkeitskontrollen durchführen, sondern Ansammlungen auf Märkten, Plätzen und in Parks auflösen und die Menschen auffordern, den Mindestabstand einzuhalten und sich nach Hause zu begeben. „In der jetzigen Situation sollten wir von den Asiaten lernen“, sagt Yilmaz. Dort habe man sich diszipliniert verhalten und so die Ausbreitung des Virus verlangsamen können. „Und das muss unser Ziel sein, sonst werden Menschen auch hier bei uns sterben. Solche Maßnahmen sind kein Pillepalle, sondern werden die Ausbreitung auf einem niedrigen und damit beherrschbaren Niveau halten“, sagt Ronni Veitt, in dessen Zuständigkeitsbereich als Chefarzt der Station Innere Medizin I die Sektion Pneumologie fällt. Rausgehen in die Natur und in den Wald sei gut, „aber bitte mit Abstand!“

Jeden Tag studieren die Schmalkalder Ärzte die Lektüre über die neuen Erkenntnisse zu Covid-19, sagt Veitt und hält eine dicke Faktensammlung in A 4 in die Höhe. „Das ist alleine heute wieder vom Robert-Koch-Institut gekommen.“ Fest steht, dass das Ziel sein müsse, die Ausbreitung in die Länge zu ziehen. Vielleicht so weit, bis ein Impfstoff gefunden sei. Wenn man „der Sache ihren Lauf lassen würde“, wie es die Briten anfangs getan hätten, „werden viele Schwerkranke sterben und das Gesundheitssystem kollabieren“, sind Yilmaz und Veitt überzeugt. Denn nun werde die falsche Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren sichtbar. „Wir haben zu wenige Ärzte und vor allem zu wenige Pflegekräfte. Wir haben nichts gegen die Pandemie im Köcher“, stellt Ronni Veitt klar. Dass die Bänder in der Industrie stillstehen, sei jetzt wichtig, denn „wenn wir die Pandemie nicht eindämmen, dann haben wir bald keinen mehr, der an den Bändern steht“.

Zudem gebe es keine Schutzkleidung mehr auf dem Markt. In den meisten Krankenhäusern reiche die ein bis drei Wochen, „bei uns wahrscheinlich drei“. Dann sei Schluss, es gebe keinen Nachschub, weil der aus China kommen müsste. Man mache sich Gedanken, erklärt der Ärztliche Leiter, wie man Material recyceln und mehrfach verwenden oder Mundschutz selbst herstellen könne. Der Bundesgesundheitsminister habe mehr Beatmungsgeräte angekündigt, aber es sei weder klar, wie sie verteilt werden, noch wann sie in der Region ankommen.

Die Landeskrankenhausgesellschaft hatte mitgeteilt, dass Nachschub „nicht zu erwarten ist“. Die beste High-Tech-Medizin nütze nichts, wenn die Kapazitäten nicht vorhanden seien, sagte Atilla Yilmaz. Deshalb sei klar: „Wenn alle Maschinen und Beatmungsgeräte besetzt sind, müssen neue Patienten sterben. Und auch trotz Beatmungsgerät sterben 95 Prozent der Patienten in der Klinik, nur fünf Prozent können dadurch gerettet werden“, macht der für die Pneumologie zuständige Chefarzt die Folgen deutlich. Wie jetzt aus Italien bekannt wurde, sei der Tod infolge des Corona-Virus einer, „den man seinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde“. Als „langsames Ertrinken“ wurde er beschrieben.

Die beiden leitenden Ärzte des Schmalkalder Klinikums verstehen deshalb nicht, dass sich die Leute mehr Sorgen um die Zukunft machen als um die Gesundheit. „Die Angst zu verarmen, ist größer, als an einer Seuche zu sterben. Das ist typisch deutsch. Was ist so schlimm daran, mal vier Wochen zu Hause zu bleiben? Wir leben hier nicht in einem Kriegsgebiet!“, redet Atilla Yilmaz Klartext.

Das Ärzteteam arbeite jetzt schon zwölf Stunden täglich, täglich finde eine Krisensitzung statt, obwohl noch kein Covid-19-Erkrankter im Schmalkalder Krankenhaus liege. Das Personal sei geschult, räumlich alles vorbereitet worden. Noch sei alles ruhig und so gut, wie es unter diesen Bedingungen möglich sei, vorbereitet. Die Ruhe vor dem Sturm.

Um noch besser vorbereitet zu sein, rufen die beiden Mediziner alle Menschen, die gewillt sind, zu helfen, auf, sich zu melden. Am besten welche, die in der Medizin gearbeitet haben: „Wir sind über jede helfende Hand dankbar.“

Das Klinikum hat bereits viele Maßnahmen umgesetzt, um für die am Corona-Virus Erkrankten gewappnet zu sein. So wird jeder, der den Haupteingang betritt, gefragt, wohin er will. Besucher werden nur im Ausnahmefall eingelassen. Wer Symptome hat, wird seit Donnerstag ins Triage-Zelt geschickt, das neben dem Notaufnahme-Eingang aufgestellt wurde. Dort werden die Patienten in infektiös und nicht infektiös getrennt. „Es kann sein, dass wir jemanden zum Hausarzt schicken, einen anderen aber stationär aufnehmen“, erklärt Ronni Veitt, der sich am Donnerstag im Triage-Zelt erkundigt, wie weit man mit der technischen Umsetzung ist. Fest steht, dass „wir kein breites Beruhigungs-Screening bieten“. Heißt, das Klinikum ist für Patenten da, die stationär aufgenommen werden müssen.

Nicht für Menschen, die eine Grippe haben oder einfach mal vorbeikommen wollen, um einen Abstrich machen zu lassen. Dafür sind die Abstrichstellen vom Landkreis eingerichtet worden, für die man sich über den Hausarzt oder unter 116117 anmelden kann. „Wer stabil ist und aus einem Risikogebiet kommt, ruft seinen Hausarzt an, der ist bei uns falsch“, betont Veitt. Er komme in Quarantäne und bleibe dort, wenn das Virus bestätigt sei. Das äußere sich von „überhaupt keine bis schwerste Symptomatik“. Wem es in Quarantäne schlechter geht und deshalb keine häusliche Versorgung mehr möglich ist oder wer Atemnot bekommt, der muss dann ins Krankenhaus.

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